Depression

Hirnschrittmacher; Eine dauerhafte Lösung im Kampf gegen Depressionen

Fast zehn Prozent aller Depressionsfälle sind so schwerwiegend, dass die Patienten auf keine etablierte Behandlungsmethode ansprechen. Die gezielte Stimulation von Hirnarealen mit einer Art "Hirnschrittmacher" hat in letzter Zeit Hoffnungen geweckt: Ersten Studien zufolge sieht die Hälfte der Patienten mit der schwersten Depression, die auf diese Weise behandelt werden, eine signifikante Stimmungsverbesserung. Ärzte der Universität Bonn haben zusammen mit Kollegen aus den USA eine neue Zielstruktur für die Tiefenhirnstimulation (wie sie technisch genannt wird) vorgeschlagen. Sie hoffen auf eine noch bessere Erfolgsrate mit weniger Nebenwirkungen. Die Arbeit wurde in den renommierten "Neuroscience and Biobehavioral Reviews" veröffentlicht (doi: 10.1016 / j.neubiorev.2010.12.009).
Bei der Tiefenhirnstimulation implantieren Ärzte Elektroden im Gehirn. Mit einem elektrischen Herzschrittmacher, der unter dem Schlüsselbein des Patienten implantiert ist, können Ärzte die Funktion bestimmter Hirnareale nachhaltig beeinflussen. Die Methode wurde ursprünglich zur Behandlung von Parkinson-Patienten entwickelt, um die typischen Bewegungsprobleme zu lindern.
Dauerhafte Verbesserung
Seit einigen Jahren wird die Methode auch bei der Behandlung der schwersten Fälle von Depressionen mit auffallendem und völlig unerwartetem Erfolg untersucht: Bei Patienten, die viele Jahre lang erfolglos behandelt worden waren, lösten sich die Symptome manchmal signifikant. Der auffälligste Aspekt: ​​"Depression kommt bei Patienten, die auf die Stimulation angesprochen haben, nicht wieder", betont Professor Dr. Thomas Schläpfer von der Bonner Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. "Die Methode scheint nachhaltige Wirkung zu zeigen - und dies ist bei der in der Literatur beschriebenen behandlungsresistentesten Patientengruppe der Fall. Das ist noch nie vorgekommen."
Tiefenhirnstimulation wurde bisher in drei verschiedenen Bereichen des Gehirns getestet: dem Nucleus accumbens, der inneren Kapsel und einer Struktur, die als cg25 bekannt ist. Überraschenderweise sind die Auswirkungen nahezu identisch - unabhängig davon, welche dieser Zentren die Ärzte anregen. Zusammen mit Kollegen aus Baltimore und Washington konnten die Bonner Forscher seither erklären, warum das so ist: Mit einer neuartigen Tomographie-Methode konnten sie das "Kabelsystem" der drei Hirnzentren sichtbar machen. "Dabei haben wir festgestellt, dass mindestens zwei dieser drei Bereiche - wahrscheinlich sogar alle drei - an ein und demselben Kabelbaum befestigt sind", erklärt der Bonner Hirnchirurg Professor Dr. Volker Coenen.
Dies ist das sogenannte mediale Vorderhirnbündel, eine Struktur, die bei Tieren seit langem bekannt ist. Das Vorderhirnbündel bildet eine Art Rückkopplungsschleife, mit der wir positive Erfahrungen antizipieren können. "Diese Schaltung motiviert uns, aktiv zu werden", sagt Coenen. "Bei Patienten mit Depression ist es offenbar gestört. Dies führt unter anderem zu einem extremen Antriebsarmut - ein charakteristisches Symptom der Erkrankung."
Der Nucleus accumbens, die innere Kapsel und cg25 scheinen alle mit dem medialen Vorderhirnbündel verbunden zu sein - ähnlich wie Blätter mit dem Ast verbunden sind, aus dem sie entstehen. Wer eine dieser Hirnregionen stimuliert, beeinflusst gleichzeitig die anderen Komponenten des Motivationskreises in gewissem Maße. Coenen, der als erster das Vorderhirnbündel beim Menschen anatomisch beschrieben hat, schlägt nun vor, die Elektrode für die Tiefenhirnstimulation direkt in diese Struktur zu implantieren. "Wir würden mit der Elektrode die Stromimpulse wie bisher an die Basis des Netzes und nicht an die Peripherie senden", erklärt Schläpfer. "Wir könnten also potentiell mit geringeren Strömen arbeiten und dennoch einen größeren Erfolg erzielen."
Ein vergleichsweise risikoarmes Verfahren
Beobachtungen von Parkinson-Patienten scheinen diese Idee zu unterstützen: In diesem Fall wird ein Netzwerk von für Bewegungen verantwortlichen Gehirnstrukturen stimuliert. Je basaler (bildlich gesprochen: in der Nähe des Zweiges) die elektrische Stimulation angewendet wird, desto größer ist ihre Wirkung. Gleichzeitig wird das Risiko von Nebenwirkungen reduziert.
Mittlerweile haben weltweit mehr als 80.000 Parkinson-Patienten einen Hirnschrittmacher im Körper. "Bisherige Erfahrungen zeigen, dass die dafür notwendige Hirnintervention relativ risikoarm ist", betont Professor Coenen. "Aus medizinischer Sicht spricht nichts dagegen, diese Methode auch für Menschen mit sehr schweren Depressionen einzusetzen."
Quellen: Bonn, Universität, AlphaGalileo Foundation.

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